Mama, ich kämpfe jetzt für Allah | Zeit Online

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„Ich erkenne meinen Sohn nicht mehr wieder. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als den Kontakt abzubrechen“, sagt Mathilde M. schluchzend am Telefon. Ihr Sohn ist ein radikaler Islamist geworden. Er hat seinen deutschen Vornamen abgelegt und will nur noch mit seinem neu angenommenen Namen angesprochen werden. Auf ihrer Suche nach Hilfe hat Mathilde M. die Berliner Beratungsstelle Hayat der Gesellschaft Demokratische Kultur angerufen.

Immer mehr solcher Fälle betreuen wir. Meistens sind es Mütter, die anrufen, denn die Väter spielen oft schon lange keine Rolle mehr in den betroffenen Familien. Die Geschichten beginnen meist ähnlich, wie die von Mathilde M.s Sohn. Ein neuer Freund taucht auf, der den Jungen in die Moschee einlädt. Sie hören Vorträge über den Islam, beten bald darauf gemeinsam. Alte Freunde sind abgeschrieben. Jeans, T-Shirt und Basecap werden ausgetauscht gegen Baumwollhosen, ein langes Gewand und eine kleine gehäkelte Mütze. Musik und Alkohol sind tabu.

Seiner Tante und seiner Cousine gibt er nicht mehr die Hand. Das sei haram, sagt er, unrein. Er isst auch nicht mehr gemeinsam mit der Familie, denn in den Töpfen wurde auch Schweinefleisch gekocht. Es kommt zu Streit. Den neuen Lebenswandel des Sohnes empfindet die Mutter als Bedrohung und der Sohn ist mit der westlichen Lebensweise der Mutter und der Geschwister nicht mehr einverstanden.

Die Geschichten, so exotisch sie für die Mehrheit der Gesellschaft klingen mögen, gleichen einander. Eltern sind überfordert und manchmal auch tief gekränkt, derart abgelehnt zu werden. Und natürlich haben sie Angst um ihre Kinder. Manche dieser Eltern brechen den Kontakt ab, manche versuchen verzweifelt, ihr großes Kind zurückzubekommen.

Doch meistens ist dieses Kind schon seit Jahren unglücklich, frustriert, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Es hat sich schon lange entfremdet, doch erst jetzt wird es von den Eltern als Fremder gesehen. Der Sohn oder auch manchmal die Tochter bekommt von den Islamisten, was er oder sie vorher von seiner Eltern, Schule und der Gesellschaft nicht bekommen hat: Zuwendung und Anerkennung. Dagegen können die Eltern nicht argumentieren.

Trotzdem raten wir den Eltern, den Kontakt zu ihrem Kind zu halten. Wir ermutigen sie, zunächst zu erkunden, ob es sich um einen harmlosen Glaubenswechsel handelt oder ob wirklich Radikalisierungstendenzen dahinter stecken. Bevor sie den Sohn oder die Tochter mit kritischen Fragen konfrontieren können, müssen sie erst einmal wieder Vertrauen und eine emotionale Bindung herstellen. Sie brauchen viel Geduld, denn sie sollten auf der einen Seite Konfrontationen vermeiden, aber auf der anderen Seite ihre Position nicht verleugnen. Sie müssen lernen, offene Fragen zu stellen, ohne ihrem Kind etwas aufzwingen zu wollen. Am besten mit professioneller Beratung und Unterstützung, wie Psychologen, Familienhelfern, Sozialarbeitern oder professionellen Kennern der Szene.

Konservativ-muslimische Eltern erkennen die Zeichen oft zu spät

Auch muslimische Eltern rufen in der Beratungsstelle an. Die weltlich orientierten unterscheiden sich in ihren Fragen und Reaktionen kaum von den nicht-muslimischen Eltern mit oder ohne Migrationshintergrund. Traditionell konservative Familien melden sich jedoch oft erst dann, wenn sich ihr Kind von ihnen vollends entfremdet hat und den Glauben nicht nur dogmatisch, sondern auch extrem politisiert praktiziert. Auf die ersten Anzeichen einer aus dem Ruder laufenden Religiosität reagieren diese konservativ-muslimischen Familien nämlich häufig noch mit Stolz und Anerkennung. Der Sohn hält sich an die muslimischen Speisevorschriften, die Tochter trägt nicht nur Kopftuch, sondern verhüllt ihren ganzen Körper: „Was für vorbildliche Kinder haben wir!“

Zettelt das „fromm“ gewordene Kind jedoch Streit an, dann reagieren konservativ-muslimische Eltern oft nur autoritär und reglementierend, woraufhin die Kinder sich ihnen gar nicht mehr anvertrauen. Eltern schämen sich und versuchen die Probleme innerhalb der Familie zu regeln oder vertrauen sich höchstens ihrem Imam an. Manchmal hilft das kurzfristig, es kann in manchen Fällen aber kontraproduktiv werden. Denn mancher Imam vertraut zu sehr auf seine Wirksamkeit als religiöse Autorität und ignoriert dabei die ganz alltäglichen Sehnsüchte der Jugendlichen.

Im schlimmsten Fall reisen radikalisierte Jugendliche in Ausbildungslager von radikalen Islamisten in Nordafrika, Pakistan oder Afghanistan. Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge fuhren außerdem bisher bereits über 200 sogenannte foreign fighters von Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg – so viele wie aus keinem anderen europäischen Land. Acht von ihnen sollen dort gestorben sein. Wie kann es aber zu dieser Eskalation kommen? Warum wollen Jugendliche aus Deutschland den Luxus von Sicherheit und Wohlstand gegen den brutalen Kampf eines Bürgerkriegs eintauschen?

Die Werbemaschinerie ist ausgefeilt, raffiniert und zielgerichtet. Zuerst kommen die Jugendlichen meist im Internet mit der islamistischen Kriegspropaganda in Kontakt. Sie sehen verstörende Videos, in denen wehrlose Kinder abgeschlachtet werden oder davon berichten, wie sie Zeugen des Mordes an ihrer gesamten Familie wurden. Der gesamte Konflikt wird in dieser Propaganda reduziert auf einen Kampf der Ungläubigen gegen die Muslime. Der jugendliche Sinn für Gerechtigkeit macht sie empfänglich für diese Botschaft, als guter Muslim müssten sie gegen „das Böse“ und für eine gerechte Welt kämpfen. Solche Propaganda arbeitet ausschließlich mit Schwarz oder Weiß, es gibt nur Opfer oder Feind.

Emotionalisierende Inhalte sprechen besonders Jugendliche an, die selbst Gewalt oder Ungerechtigkeit erlebt haben. Als Muslim identifizieren sie sich mit den unschuldigen Opfern, die ihnen präsentiert werden, sie schöpfen Hoffnung, weil sie sich im Kreis der Islamisten nicht mehr „allein gegen die Übel dieser Erde“ wehren müssten. Existiert zugleich eine niedrige Gewaltschwelle oder Frustrationstoleranz, werden solche Jugendlichen leicht ansprechbar für den sogenannten Heiligen Krieg.

Im realen Leben kommt es dann zu Begegnungen mit islamistischen Predigern, die sich zum Beispiel als Sozialarbeiter ausgeben. Sie sprechen vom Bürgerkrieg in Syrien als dem Endkampf zwischen Muslimen und Ungläubigen, einer Art Armageddon, das die Weltordnung verändern werde. In diesem apokalyptisch-erlöserischen „Endgame“ versprechen sie den Jugendlichen Plätze in der ersten Reihe. „Ihr dürft dabei sein, wenn die Schuldigen fallen!“

Debatte um Radikalisierung muss in die Schulen

Plötzlich werden Schulabbrecher, Arbeitslose und Perspektivlose in ihrer Fantasie zu Menschen, die Geschichte schreiben können. Endlich erhalten sie, zumindest verbal und in der ideologischen Blase, in die sie eintauchen, die Anerkennung, die sie als bildungsferne oder sozial ausgegrenzte Migranten oder vom System abgehängte Deutsche sonst vermissen.

Sie sehnen sich sogar nach dem Tod, mit dem sie mystische Visionen verbinden, denn mit dem Märtyrertod beginnt das ewige Leben im Paradies mit 72 Jungfrauen und Zugang zu allem, was sie in diesem Leben vielleicht niemals haben werden. Diese Ideologie wirkt wie eine Droge – daher fällt der Verzicht auf Alkohol, Eros und andere Genüsse so leicht.

Sie wird auch von einem Teil des muslimischen Milieus gefördert, das sich nicht mit radikalem Islamismus identifiziert, aber oft indirekt einen gewissen Respekt äußert. Die Kriegsverbrechen und Bombenattacken in Syrien werden nicht nur in zahlreichen Videos im Internet als Abenteuer romantisiert, sondern auch in den Predigten einiger Imame, die keine Islamisten sind. Das Bild eines weltweiten Kampfes gegen „die“ Muslime wird auch in mancher muslimischen Organisation gepflegt. Zwar gibt es allgemeine Beteuerungen gegen Radikalisierung oder bewaffnete Gewalt. Aber um Extremisten zu bekämpfen, müssten die Verbände mehr tun, als nur den salafistischen Predigern den Zugang zu ihren Moscheen zu verwehren. Es geht vor allem darum, sich mit den salafistischen Inhalten auseinanderzusetzen, dabei auch eigene Positionen zu hinterfragen und die Jugendlichen einzubeziehen.

200 verirrte Dschihadisten aus Deutschland, die im Ausland zur Waffe greifen – das mag wenig scheinen. Doch neben ihnen gibt es mehrere Tausend Jugendliche, die von ähnlichen Pfaden träumen. Die Debatte über Radikalisierung muss deshalb gesamtgesellschaftlich geführt werden. Sie darf nicht nur im Rahmen von Sicherheitsbedenken und Integrationsdebatten stattfinden. Denn dieser Ihr-Wir-Diskurs ist neben der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen der beste Nährboden für die Islamisten.

Außerdem müssen Sozialarbeiter und vor allem Lehrer sensibilisiert und aufgeklärt werden. Nur so werden sie in der Lage sein, früh Radikalisierungstendenzen zu erkennen und rasch zu intervenieren. Sie könnten ihren Schülern Alternativen zeigen und sie zum kritischen Denken bewegen. Denn wer zum Beispiel einmal gelernt hat, eine eigene Position zu hinterfragen, ist weitaus besser immunisiert gegen Extremisten, die blinde Nachfolge und bloßes Nachbeten verlangen. Dafür aber braucht es mehr, als politischen Willen. Es braucht Geld, Mittel für Fortbildung und dauerhaftes Engagement. Mit halbherzigen Kurzzeitprojekten ist kein Jugendlicher zu retten.